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Catch-Up-Culture: Verlieren unsere Freundschaften an Tiefe?


Sich alle paar Monate für ein ein- bis zweistündiges Update im Café treffen. Die sogenannten Catch-Up-Culture, die unsere Freundschaften prägen. Das wird auf Social Media immer wieder kritisiert. Werden unsere Freundschaften dadurch oberflächlicher? Und ist es wirklich so schlimm, wenn Treffen mit Freunden irgendwann nur noch so ablaufen?

Ich habe mich in den letzten zwei Jahren noch einmal sehr intensiv mit meinen eigenen Freundschaften auseinandergesetzt und sie auch kritisch hinterfragt. Das vergangene Jahr war von Freundschaftsabbrüchen und Ghosting geprägt. Freundschaften, von denen ich dachte, sie würden noch sehr lange halten, sind plötzlich in die Brüche gegangen. Freunde, von denen ich dachte, dass ich ihnen wichtig bin, haben mich von einem Tag auf den anderen einfach so geghostet. Das war schon ziemlich hart und hat einiges mit mir gemacht. So viele Abschiede von so wichtigen Freunden hatte ich gefühlt noch nie in so kurzer Zeit.

Diese Abbrüche haben mich zum Nachdenken gebracht: Was ist da eigentlich schiefgelaufen? Wie konnte das alles passieren? Was macht für mich eine Freundschaft aus? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Bin ich überhaupt zufrieden mit den Freundschaften, die ich führe? Fehlt mir etwas?

Und wie läuft es so bei dir?

Während ich mich immer wieder gedanklich mit dem Thema Freundschaft beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass die Treffen mit meinen Freund*innen inzwischen sehr oft nach dem gleichen Schema ablaufen: Man trifft sich einmal im Monat oder auch nur alle paar Monate, geht zusammen spazieren und erzählt sich lang und breit, was in der letzten Zeit so im eigenen Leben abgegangen ist.

Und so verbringt man ein oder zwei Stunden damit, den anderen auf den neuesten Stand zu bringen. Wie geht es dir so? Was gibt es Neues? Wie läuft es denn auf der Arbeit? Wie läuft es in der Beziehung? Das immer gleiche Prozedere. Ich habe das lange nicht hinterfragt. Für mich war das Standard.

Die Treffen waren allesamt schön. Wir führten gute Gespräche, die auch öfter mal in die Tiefe gingen. Und doch fehlte mir rückblickend etwas. Etwas, das für mich Freundschaften besonders ausmacht. Etwas, das Freundschaften in der Kindheit und Jugend so besonders gemacht hat und das Freundschaften im Erwachsenenalter abhandengekommen ist: gemeinsame Erlebnisse, die einen zusammenschweißen.

Weil ich einfach gerne spazieren gehe, gerne in Bewegung bin und dabei gut reden kann, habe ich quasi fast alle Treffen mit Freund*innen zu Spaziertreffen gemacht. Für alle schien das in Ordnung zu sein. Es hatte nie jemand etwas dagegen. Und auch für mich war es erfüllend. Und doch merkte ich, dass es mit der Zeit immer eintöniger wurde. Immer die gleiche Route, die wir gingen. Und dann doch immer die gleichen Themen.

Wenn etwas Wichtiges in Freundschaften fehlt

Ich merkte, dass es mir ein wenig an Lebendigkeit fehlte. Obwohl wir doch in Bewegung waren und auch die Gespräche irgendwie lebendig waren, konnte ich mich langfristig kaum noch an sie erinnern. An gemeinsame Erlebnisse hingegen schon eher.

Durch Zufall bin ich dann eines Tages auf den Begriff „Catch-Up-Culture“ gestoßen und musste mit Erschrecken feststellen, dass Treffen mit meinen Freunden inzwischen zu genau solchen Catch-up-Meetings geworden waren. Man traf sich, um sich über das eigene Leben auszutauschen.

Man erzählte sich gegenseitig von dem eigenen Leben, an dem der andere eigentlich gar nicht mehr wirklich beteiligt war. Das war der Kern des Problems. Denn wenn man am Leben des anderen teilhaben würde, müsste man sich keine stundenlangen Update-Gespräche antun.

Nicht Teil des Lebens des anderen sein

Statt Dinge miteinander zu erleben, erzählt man sich davon, was man ohne den anderen erlebt hat. Schon ziemlich verrückt. Erst erzählt der eine, dann der andere. Und wenn beide fertig waren, ging man wieder getrennte Wege. Bis man sich ein paar Monate später wieder traf, um sich erneut gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich habe das Gefühl, dass das einfach auch ein Teil des Erwachsenenlebens geworden ist. Je älter man wird, desto weniger Zeit hat man, um seine Freundschaften zu pflegen. Die Arbeit laugt einen aus, man hat noch viele Verpflichtungen zu erledigen, und der Partner ist ja auch noch da. Und so richtig Energie für Treffen hat man dann auch nicht mehr. Dem anderen geht es genauso. Es wird immer schwieriger, passende Termine zu finden, an denen beide Zeit haben. Und so vergehen Wochen und Monate, bis man sich irgendwann mal wiedersehen kann.

Es ist vollkommen normal, dass man dann natürlich wissen will, was der andere in der Zwischenzeit erlebt hat und was es Neues gibt.

Aber ich frage mich ehrlich: Was bleibt am Ende übrig, wenn wir uns von unserem Leben erzählt haben? Was bleibt von dem Gesagten hängen? Ich muss gestehen, dass ich mich leider nicht wirklich an all die Themen erinnern kann, über die wir gesprochen haben. Es gibt einige wenige Ausnahmen. Aber es sind eben die gemeinsamen Erlebnisse, die Erinnerungen mit unseren Freunden schaffen.

Meine liebsten Erinnerungen mit meinen Freunden

Es sind die gemeinsamen Urlaube mit Freunden, an die ich mich noch viele Jahre später erinnern kann. Wie wir gemeinsam Abenteuer bestanden haben, zusammen wandern und klettern waren. Es ist die Erinnerung an einen Besuch im Freizeitpark, die bleiben wird. Oder daran, wie wir gemeinsam einen Karaokeabend verbracht haben. Oder eine längere Fahrradtour unternommen haben. Oder wie wir zusammen unsere Angst vor dem Fallen im Kletterpark überwunden haben. Oder wie wir gemeinsam einen Städtetrip gemacht haben.

Oder wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke: Mit meiner damaligen besten Freundin habe ich viele Stunden damit verbracht, im Wald zu spielen. Ich habe noch so plastisch vor Augen, wie wir stundenlang in ihrem Zimmer chillten und Musik hörten. Oder wie wir gemeinsam schaukelten. Und wie wir damals Szenen aus ihren Lieblingsserien nachspielten. Wie wir uns mit Wasserpistolen gegenseitig jagten. Oder wie wir uns als Kinder trauten, laut in der Öffentlichkeit zu singen, ganz ohne Scham. Und wie wir etliche Stunden damit verbrachten, auf dem Skater abzuhängen und unsere Crushes zu beobachten.

Oder wie jede von uns sich einen Manga schnappte und stundenlang darin versinken konnte. Wir haben nicht viel miteinander geredet, aber die Anwesenheit der anderen genossen. Und dann erinnere ich mich auch daran, wie ich viele Nachmittage bei meinem Kindheitsfreund verbrachte und ihm dabei zusah, wie er ein Game zockte. Wir haben nicht viel miteinander geredet, und doch war es ein Erlebnis, das nur uns gehörte und das ich bis an mein Lebensende mit diesem Freund aus meiner Kindheit verbinden werde.

Oder daran, wie ich mit zwei Freunden nach vielen Stunden Autofahrt ein tolles Musical erleben durfte.

Erinnerungen, die für immer bleiben

Und dann war da noch der Abend, an dem ich mich mit meiner damaligen besten Freundin total abgeschossen habe. Wir irrten nachts völlig betrunken umher, kamen unerwartet in tiefgründige Gespräche und lagen uns am Ende in den Armen. Und plötzlich wurde mir übel und ich musste mich übergeben. Das sind Erinnerungen, über die wir heute immer mal wieder lachen müssen.

Es sind Erinnerungen, die so wertvoll sind wie wunderschöne kleine Perlen, die ich sammle und die mich daran erinnern, wie vergänglich das Leben und die gemeinsame Zeit sein können. Und dass wir genau diese Erinnerungen wie Schätze hüten sollten.

Es sind nicht einmal nur die ganz besonderen Ereignisse, die in Erinnerung bleiben. Selbst die Zeiten, in denen wir nicht besonders viel machten, einfach nur zusammen waren, nicht viel miteinander redeten, sondern einfach abhingen – auch sie haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Zeiten ändern sich

Das sind Erlebnisse und Erfahrungen, die ich damals gemacht und gesammelt habe und die ich manchmal vermisse. Natürlich kommen sie nicht wieder, weil sie der Vergangenheit angehören. Aber auch, weil heutige Freundschaften nicht mehr so sind wie früher. Sie können niemals wieder genauso werden, weil wir uns einfach in einem anderen Lebensabschnitt befinden.

Freundschaften werden nie wieder so sein wie früher, als man sich noch täglich sehen konnte. Als man sich nicht verabreden musste, sondern einfach so Zeit miteinander verbrachte.

Ich vermisse diese Zeiten und auch die Erfahrungen und Erlebnisse, die heute immer seltener werden. Und dann sind da die langen Spaziergänge, die ich mit Freunden unternehme. Im Vergleich zu den Erinnerungen von damals wirken diese Treffen so leblos, so farblos.

Natürlich kann es durchaus sein, dass man Erfahrungen im Nachhinein romantisiert. In der Erinnerung erscheinen gemeinsame Erlebnisse oft viel schöner, als sie vielleicht damals tatsächlich waren. Man neigt ja dazu, alles viel bunter in Erinnerung zu behalten.

Wie verändere ich etwas in Freundschaften?

Und doch bleibt da diese Erkenntnis: Genau das fehlt mir in meinen heutigen Freundschaften sehr.

Muss es so bleiben? Geht es wirklich nicht anders? Müssen Treffen immer so gleichförmig ablaufen?

Ich denke nicht. Wir haben es selbst in der Hand. Es braucht natürlich die Bereitschaft beider Seiten, etwas zu verändern. Und es bedeutet auch, dass man sich mehr Mühe gibt, mehr vorbereitet und sich Gedanken macht. Wobei man es sich natürlich nicht unnötig schwer machen muss. Es müssen ja nicht gleich besondere Events sein, die man besucht. Es geht in erster Linie darum, die Zeit anders miteinander zu verbringen. Nicht nur reden, sondern gemeinsam etwas erleben.

Das Spazierengehen war insofern immer so bequem, als man nicht groß überlegen musste: Was machen wir eigentlich? Wir reden und gehen dabei spazieren. In der Natur zu sein, ist ja auch schön. Und ich sage auch nicht, dass ich künftig keine solchen Treffen mehr haben möchte. Besonders wenn man sich länger nicht gesehen hat oder es Dinge gibt, die man unbedingt ausführlich besprechen möchte, eignen sich genau solche Spaziergänge dafür.

Aber ich möchte davon wegkommen, mich bei Treffen ausschließlich über das Leben meiner Freund*innen auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Ich will ein Teil ihres Lebens sein und gemeinsam schöne Erinnerungen schaffen.

Ein paar Ideen für gemeinsame Erlebnisse

Und wie gesagt: Es müssen keine krassen Events sein, die man besucht. Man kann natürlich gemeinsam auf Konzerte und Partys gehen, eine Ausstellung besuchen oder sich ein Theaterstück anschauen.

Es geht aber auch günstiger. Beispielsweise könnte man zusammen geocachen gehen, etwas basteln oder einen Stadtteil erkunden, den man noch nicht so gut kennt. Gemeinsam kochen und backen. Eine Nachtwanderung machen. Zusammen zelten gehen. Eine gemeinsame Playlist mit Lieblingssongs erstellen. Sich gegenseitig etwas vorlesen. Gemeinsam eine Geschichte schreiben. Rausgehen und schöne Dinge in der Natur sammeln. Ein gemeinsames Fotoshooting machen.

Es gibt so viele Dinge, die man zusammen erleben kann. Ideen gibt es genug. Sie müssen eben nur gesammelt und umgesetzt werden.

Und sich zwischendurch immer mal schreiben, Reels schicken oder kurze Updates. Vielleicht auch mal miteinander so telefonieren? Vielleicht auch einfach nur abhängen, ohne, dass man großartig, was zusammen unternimmt. So wie in den guten alten Zeiten, in denen man sich traf und einfach so Zeit miteinander verbracht hatte. Das fördert die Nähe, die sich dadurch alltäglich anfühlt, was etwas total positives ist.

Würde ich aber Catch-up-Treffen generell nie wieder machen? Definitiv nicht! Es ist ja nicht alles schwarz oder weiß. Solche Treffen können durchaus wichtig sein. Nur sollte nicht jedes Treffen so ablaufen. Die Abwechslung macht es.

Ich habe beispielsweise bei den letzten Treffen mit einer Freundin immer etwas unternommen. Das hatte aber auch seinen Preis: Wir hatten kaum Zeit, in Ruhe zu reden. Das ist dann eben das andere Extrem. Man verbringt Zeit miteinander und hat auch Spaß. Aber man weiß gar nicht so recht, wie es der Freundin geht und was sie gerade bewegt.

Manchmal können genau solche Treffen, bei denen man etwas erlebt, einen zusammenschweißen. Manchmal können sie aber auch total oberflächlich sein, weil man zwar irgendetwas unternimmt, sich dem anderen dadurch aber gar nicht verbundener fühlt.

Es braucht eine Balance: Austausch und gemeinsames Erleben

Ich finde, dass sowohl gemeinsame Erlebnisse als auch tiefe Gespräche die Verbundenheit in einer Freundschaft ausmachen. Ich brauche beides, damit es für mich harmoniert.

Deswegen habe ich mir vorgenommen, öfter auch mit Freund*innen etwas zu erleben, anstatt immer nur spazieren zu gehen. Am liebsten wäre mir, wenn sich beides abwechseln würde: Treffen, bei denen wir neue Erinnerungen schaffen, und Treffen, bei denen wir ausgiebig miteinander über unser Leben sprechen.


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